Title Wer hat Angst vor Para Doxen? Abgründe des Design und das Design von Gründen. Zehn Anläufe
Author Rainer Funke
Paradoxie Design?

Zwar werden im Design Wissenschaften und Theorien angewandt, Design selbst ist aber keine Theorie, keine Wissenschaft und schon gar kein axiomatisches Aussagensystem.
Deswegen ist der Bezug auf die Grundlagenprobleme der Mathematik höchstens von sehr weit vermittelt heuristischem Wert, nicht jedoch dazu geeignet, Grundlagenprobleme des Design aufzuhellen.
Ebenfalls deswegen ist die Anwendung des Begriffs der Paradoxie auf das Design insgesamt entweder nur alltagssprachlich im Sinne von „irgendwie widersprüchlich“ oder metaphorisch im Sinne der Kennzeichnung einer Analogie korrekt. Das bedeutet nicht, dass nicht innerhalb von konkreten Designphänomenen Paradoxien vorkommen können, nämlich da, wo tatsächlich Aussagen formuliert werden (vor allem im Kommunikationsdesign z.B. in der Werbung).

Der Text von Matthias Götz versucht nun aber eben dieses, den Begriff des Paradoxen auf das Design als ganzes anzuwenden. Das Ergebnis bleibt im Dunkeln. Wenn erklärt wird, dass Design im schlechteren Fall ein Kompromiss und im besseren ein Paradoxon sei, bleibt doch die anschließende Frage, ob Gegenstände paradox sein können völlig unbeantwortet. Ja, wovon wird hier überhaupt gesprochen, vom Design als Prozess gegenstandsvermittelter Kommunikation, als Schaffensprozess, als Resultat gestalterischer Auseinandersetzung in Form von Produkten, als ästhetische Aneignung von Welt? Mal das eine, mal das andere, scheint es. Der Hinweis auf ein Merkmal von Paradoxien (also ein Merkmal von unauflösbar widersprüchlichen Aussagen innerhalb eines Aussagensystems), welches vielleicht auch bei Designphänomenen zu finden ist,
erklaubt noch längst nicht den Schluss, dass Design ebenfalls paradox sei.

Ein solches Merkmal spürt Götz bei Luhmann auf: „Verlust der Bestimmbarkeit, also der Anschlussfähigkeit für weitere Operationen“.
Ja, was ist dann Design noch (sowohl als Prozess als auch als Gegenstand), wenn Bestimmbarkeit und Anschlussfähigkeit verloren gegangen sind, wovon spricht Götz? Und wieso ist es gerade dann der beste Fall von Design? Und wie kann ich mir Design vorstellen, ohne dass es Kompromisse macht oder beinhaltet? Beim besten Willen, mir fällt da nichts ein. Ein Beispiel von Herrn Götz wäre hier vielleicht hilfreich.

Auch der lockere Hinweis darauf, dass Design keine Probleme löse - oder wenn, dann nur Designprobleme im Sinne der Ablösung einer Designkonzeption durch eine neue und Designprobleme immer nur Symptome anderer Probleme seien, macht das ganze nicht durchschaubarer. Natürlich steht Design mit seiner spezifischen Problemlösungskompetenz immer in Verbindung zu weiterführenden Problemen, doch auch wenn eine Designkonzeption die andere ablöst, werden dabei praktisch Probleme gelöst, z.B. wirtschaftliche Probleme, Verständnisprobleme, Kommunikationsprobleme, Orientierungsprobleme, Bedienprobleme usw. Spätestens wenn ich in Berlin die S-Bahn benutzen will, wird mir klar, wie gut demgegenüber in der Pariser Metro Probleme gelöst sind. Und das hat Gründe, die mit Grundlagen des Design zusammenhängen (methodische: Strategien, faktische: Wissen, kommunikative: Kontexte u.a.).
Dass Probleme dabei und überhaupt nie absolut zu lösen ist nun wirklich eine Binsenweisheit. Und dass der kognitive Zugang der Menschen zur Welt durch Paradoxa in einem philosophischen Sinne in Frage gestellt wird, ist ebenfalls seit der Antike bekannt. Wo liegt der Erkenntnisgewinn für das Design? Dass es für jede Designlösung eine andere, irgendwie auch widersprüchliche gibt oder geben kann? Nun, auch das ist wohl schon länger evident.

Design löst Probleme und wird verwendet, um Probleme zu lösen. Und Design agiert dabei nicht voraussetzungslos, es hat Grundlagen, ohne die es nicht zustande käme. Interfacedesign bezüglich komplexer elektronischer Systeme gelingt nur auf der Grundlage von Informationswissenschaften, die Gestaltung eines Tisches gelingt nur auf der Grundlage handwerklicher oder industrieller Technologien, Werbung gelingt nur auf der Grundlage von Modellen sozialkommunikativer Zusammenhänge.
Eine Diskussion darüber, was diese Grundlagen heute sind und morgen sein werden, schiene mir erfolgsversprechender, denn sie haben damit zu tun, wie erfolgreich die einzelnen Designer sein können und wie dementsprechend adäquat Designausbildung ist.

Rainer Funke

© 2010 Rainer Funke